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Thema: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

  1. #51
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    529

    Standard AW: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

    Liebe Cindra,

    ich muss nun doch ein wenig umschwenken. Ich weiß nicht, inwieweit die anderen Betroffenen, die hier antworten, nachvollziehen können, wie eine Schwerbehinderung einen Menschen in eine Ecke rücken kann, in der er eigentlich nicht will.

    Ich bin schwerbehindert, habe eine mittelleichte Gehbehinderung und eine Wirbelsäulenerkrankung (Op). Ab Ende 20, Anfang 30 bin ich tatsächlich deswegen im Berufsleben angefeindet worden. Immer dann, wenn sich Möglichkeiten intern ergaben, eine besser dotierte Stelle zu erreichen, wurde ich gedrückt. Offen unter Zeugen spricht niemand das aus, das wäre beweisbar. Unter vier Augen hat man mir sehr direkt gesagt, dass eine körperlich Gebrechliche gerade genug bekäme.

    Was Deine Epilepsie betrifft...nimmst Du Carbamazepin o. ä.? Ich kenne mich etwas aus. Nach intensivem Mobbing bin ich schwer erkrankt, habe u. a. einen langsam wachsenden, gutartigen Tumor an der Hirnhaut und zum Glück keine Anfälle, die mich aber treffen könnten. Da ich längere Zeit in einem Forum für Hirntumorbetroffene und Angehörige Moderatorin war, kenne ich Menschen, die unter epileptischen Anfällen leiden, wenn auch aus einem anderen Grund als Du, Cindra.

    Warum willst Du Dich damit verstecken, selbst erniedrigen? Eine Krankheit macht einen Menschen nicht weniger wertvoll oder liebenswert, auch wenn Teile unserer Gesellschaft das leider so sehen. (Es sind übrigens alle Bevölkerungsschichten, da gibt es weder rechts noch links, schwarz oder weiß).

    Du solltest Menschen am Arbeitsplatz ins Vertrauen ziehen. Es kann immer mal sein, dass Dich ein Anfall - fokal oder generalisiert - trifft, was ich nicht hoffe. Was dann? Du brauchst dann professionelle Hilfe und eine Erstversorgung. Die unterliegt anderen Regeln als üblich.

    Ich habe mich immer als einen vollwertigen Menschen gesehen. Fehler macht jeder einmal, eine schlechte Phase durchlebt auch jeder. Der Unterschied ist, dass von schwerbehinderten Mitarbeitern 200 %ige Leistung erwartet wird, dass man bei ihnen genauer hinschaut, dass man kritischer urteilt.

    So kam es, dass ein Kollege mich anschwärzte, weil ich während der Arbeitszeit eine Tasse Kaffee trank. Beim Chef habe ich dann aber auch nicht mehr geschwiegen, dass just dieser Kollege Spirituosen im Kühlschrank in seinem Büro lagert, dass er zig Male in einer Stunde zur Zigarettenpause geht, dass er Fußballwetten über Internet abschließt und Ebay-Auktionen startet und beobachtet - während der Arbeitszeit. Damit habe ich mich zwar unbeliebt gemacht, aber ich war froh, mich gegen so einen Kinderkram gegen das, was er veranstaltete, gewehrt zu haben. Der Chef hatte sehr wohl mitbekommen, was in seinem Team läuft, war aber zu schwach, gegen die Mehrheit anzugehen.

    Eine Krankheit oder Behinderung ist kein Grund, im übertragenen Sinne, dankbar auf die Knie zu gehen und sich mit einer Ecke im Büro zufrieden zu geben oder jede noch so fiese Erniedrigung hinzunehmen.

    Ich verstehe Deine Denkweise, weil ich mich oft über ebenfalls schwerbehinderte Kollegen aufgeregt habe, die alles mit sich haben machen lassen, weil sie sich selbst als minderwertig betrachten, weil man es ihnen bewusst oder subtil so vermittelt.

    Würden wir zusammenhalten und uns solidarisieren, wäre Diskriminierung von Behinderten nicht mehr das Thema.

    Für die zweite Runde bei Deiner Bewerbung drücke ich weiterhin die Daumen.

    Liebe Grüße
    Trauerweide
    Geändert von Trauerweide (17.08.2017 um 08:59 Uhr)

  2. #52
    Registriert seit
    13.08.2013
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    929

    Standard AW: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

    Warum willst Du Dich damit verstecken, selbst erniedrigen? Eine Krankheit macht einen Menschen nicht weniger wertvoll oder liebenswert,
    Dem möchte ich absolut zustimmen.

    Ich möchte dir aber auch sagen, dass du damit offener umgehen solltest. Auch in diesem Punkt hat Trauerweide Recht, wenn sie sagt, dass du andere ins Vertrauen ziehst. Wenn du einen Anfall bekommst und es weiß niemand Bescheid, ist das von Nachteil für dich.
    Versuche bitte, dir nicht durch deine Krankheit dein Leben diktieren zu lassen. Hab ein bisschen mehr Vertrauen in dich selbst. Du kannst doch was und daran ändert auch die Epilepsie nichts.
    Vielleicht ist ein Arbeitsplatzwechsel aber auch in dieser Hinsicht eine gute Gelegenheit, nochmal in Ruhe neu anzufangen. Ich drücke dir auf jeden Fall ganz fest die Daumen, dass du die Stelle bekommst. Eine Teilzeitstelle verschafft dir auch ein bisschen Luft, dich auch wieder ein wenig zu erholen und zu sammeln.
    Und wenn es nicht diese Stelle, ist es eine andere. Du schaffst das!

  3. #53

    Standard AW: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

    Danke für eure Antworten!

    @ Anjin

    Bevor ich mich zwangsläufig mit dem Thema Epilepsie auseinandersetzen musste, dachte ich auch, dass es eine Krankheit wie Asthma, Arthrose, Diabetes, etc. ist.
    Ich leide auch seit ca. 20 Jahren an Bronchialasthma und für mich war es nie ein Problem, darüber zu sprechen. Manchmal habe ich es einfach erwähnt, ohne Mitleid oder besondere Rücksichtnahme haben zu wollen. Diese Erkrankung konnte ich akzeptieren, vor allem nachdem ich in einer Reha schwerere Fälle als mich gesehen hatte.

    Doch Epilepsie ist eine Hirnfunktionsstörung und viele Menschen denken in dem Zusammenhang immer noch an eine geistige Einschränkung!
    Wahrscheinlich habe ich kaum eine Seite im Internet über Epilepsie ausgelassen zu lesen. Mir kommen ganz oft die Tränen, wenn ich lese, dass noch vor 30 Jahren die Epilepsie der Kinder von Eltern totgeschwiegen wurde, um die Familie zu schützen! Kinder wurden angehalten, in der Schule zu sagen, dass sie wieder Kopfschmerzen oder Kreislaufprobleme hatten, nur um dieses schreckliche Wort nicht auszusprechen!
    Vor ein paar Tagen habe ich in einem Forum gelesen, dass eine Frau schrieb, ihre Mutter sei nie darüber hinweggekommen, dass die Tochter unter Epilepsie leidet. Da habe ich geweint, weil ich an meine Eltern denken musste, denen es genauso ergangen wäre.

    Es belastet mich auch sehr, dass meine Eltern nichts davon wissen dürfen. Dass mit mir etwas nicht stimmt, ahnen sie sicherlich seit langem. Denn laut Neurologe hatte ich die Erkrankung wahrscheinlich schon in meiner Kindheit. Ich war immer sehr verträumt und es passierte ganz häufig, dass ich "einfach so" vom Rad stürzte, vom Pferd oder eine Treppe runterfiel. Sie haben es sich mit Ungeschicktheit erklärt, vielleicht auch, um der Konfrontation mit etwas Schlimmen aus dem Weg zu gehen.

    @ Trauerweide

    Es tut mir leid für dich, dass du wegen deiner Körperbehinderung so negative Erfahrungen im Berufsleben machen musstest! Leider ist es so, dass behinderte Menschen immer noch stark diskriminiert werden.

    Natürlich hast du Recht, dass wir mit unseren Einschränkungen nicht weniger liebenswert sind als gesunde Menschen. In meinem Fall sehe ich nur das Problem, dass ich eh nicht besonders gschätzt und oft nicht richtig ernst genommen werde. Wenn ich jetzt auch noch offen dazu stehen würde, dass ich unter Epilepsie leide, würde sich das Urteil, das andere sich über mich gebildet haben, wohl noch mehr zum Negativen verändern. Nach dem Motto: wir haben ja schon oft gedacht, dass mit der etwas nicht stimmt.

    Das Medikament, das ich nehme, heißt Lamotrigin.
    Ich habe eine generalisierte Epilepsie mit Abscenen und Anfällen, die zum Glück nur im Schlaf auftreten.
    Normalerweise könnte man sagen, besteht überhaupt kein Anlass, Kollegen darüber zu informieren, weil sie meine Absencen nicht mitbekommen. Andererseits war ich schon oft in der unangenehmen Situation, dass ich Teile von Erklärungen oder Anordungen nicht mitbekommen habe. Dann hieß es ganz verärgert: "Habe ich doch gerade gesagt", "Habe ich Ihnen doch erklärt". Indem ich Kollegen informieren würde, könnte ich natürlich weiterem Ärger aus dem Weg gehen.
    Wenn es mir nur nicht so schwer fallen würde...

    @ Ilythia

    Danke auch für deine mutmachenden Worte!

    Ich arbeite daran, mir von der Krankheit nicht mehr mein Leben diktieren zu lassen. Vertrauen in mich muss ich erst wieder neu aufbauen, denn das war auch vor der Diagnose schon stark angekratzt. Jetzt ist so gut wie keins mehr vorhanden. Aus dem Grund zieht mich auch jede blöde Bemerkung meines Chefs so runter.

    Ich hoffe immer noch sehr, dass es mit der Stelle klappen wird, auf die ich mich beworben habe.
    Du hast schon Recht, ein Arbeitsplatzwechsel zu einem Teilzeitjob wäre jetzt genau das Richtige, um den alten Ballast hinter mich zu lassen und etwas zur Ruhe zu kommen.
    Geändert von Cindra (17.08.2017 um 16:18 Uhr)

  4. #54
    Registriert seit
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    Standard AW: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

    Cindra, hast Du einen sog. "Notknopf" für den Fall, dass nachts ein Anfall eintritt?

  5. #55

    Standard AW: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

    Zitat Zitat von Trauerweide Beitrag anzeigen
    Cindra, hast Du einen sog. "Notknopf" für den Fall, dass nachts ein Anfall eintritt?
    Nein, ich habe keinen "Notknopf".
    Er würde mir nichts nützen, weil ich nicht mitbekomme, wenn ich nachts einen Anfall habe. Das ist ja das fatale an den generalisierten Anfällen: man ist bewusstlos. Ich bemerke erst morgens an den Bissen in die Zunge oder Lippe, dass etwas stattgefunden hat. Ich bin dann auch wie gerädert.

    Zuerst habe ich dem Neurologen gar nicht geglaubt, dass ich Anfälle in der Nacht habe. Ich habe die Verletzungen im Mund immer auf psychischen Stress geschoben. Seit ich weiß, was dahintersteckt, habe ich manchmal Angst vor dem Einschlafen.

  6. #56

    Standard AW: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

    Ich wollte dir mit meinem Beitrag auf keinen Fall eines auf den Deckel geben. Wenn das so rüber kam, tut es mir leid! Ok, ich drücke mich manchmal etwas schroff aus.
    Natürlich kann ich nachfühlen, dass das alles zusammengenommen nicht einfach für dich ist. Da kommt eine ganze Menge auf einmal zusammen. Dein Sebstwertgefühl und das Vertrauen in andere fehlen dir inzwischen völlig und das wieder zu "reparieren" ist schwer, wenn man selbst kein Land sieht.
    Ich finde es aber gut, dass du dich hier wenigstens öffnest. (Auch, wenn die gute Anjin dann einen Beitrag schreibt, der härter klingt als er gemeint ist...)
    Wobei ich nach wie vor dazu stehe, wenn ich sage, dass du dich für nichts zu schämen brauchst.
    Ich stimme auch mit Trauerweide und Ilythia überein, dass du dich in der Hinsicht mehr trauen solltest und deine Umgebung informierst. Ich verstehe deine Angst, in die "geistige" Ecke geschoben zu werden schon. Aber die kleinen Aussetzer (hattest du ja beschrieben), die du bei der Arbeit hast, führen natürlich auch zu Missverständnissen, die nicht sein müssten/sollten. Wobei ich mir vorstellen kann, dass diese Momente auch passieren, weil du dich selbst zu sehr unter Druck setzt. Epileptische Anfälle und kleine Aussetzer sind auch viel eine Stress - Sache.
    Eine andere Stelle zu suchen, halte ich daher auch für vernünftig und auch notwendig. Ein normaler Vorgesetzter, ja, auch weniger Stunden am Tag, in denen du zu viel Stress ausgesetzt bist, täten dir gut.
    Ich schließe mich daher dem allgemeinen Daumendrücken an!

  7. #57
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    Standard AW: Chef behandelt mich respektlos. Ist das schon Bossing?

    Du weißt, dass Du einen sehr guten Grund hast, Dir eine Auszeit in Form einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu nehmen.
    Es gibt auch sehr gute Reha-Kliniken, die auf Epilepsie-Patienten spezialisiert sind. Falls Du am Arbeitsplatz wieder bedrückende Situationen erlebst, solltest Du überlegen,
    ob so ein Reha-Aufenthalt eine Option für Dich ist. Wenn Dein Neurologe zusätzlich Facharzt für Psychiatrie ist, wird er Dir auch wegen der psychischen Anspannung einen Rat erteilen können. Mein Neurologe, den ich wegen meines Meningeoms (gutartiger Tumor an der Hirnhaut) aufsuche, hat diese Zusatzqualifikation, was für mich zeitweise sehr wichtig und hilfreich war. Wie ich lese, bist Du eine gut informierte Patientin und auch so machst Du einen geistig fitten Eindruck. Also, keine Angst, dass man Dich wegen der Epilepsie-Erkrankung irgendwie für geistig eingeschränkt halten könnte. Das ist absolut nicht so nach meinem Eindruck.

    Hoffentlich klappt es mit der Stelle, dann hätte sich der Fall mit dem Chef erledigt.

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