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Thema: Gesellschaftliche Ursachen von Mobbing und Auswege

  1. #1
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    Standard Gesellschaftliche Ursachen von Mobbing und Auswege

    Die Ursachen von Mobbing werden oft Begleitumstände angegeben, unter denen sich Mobbing ereignet. Doch es gibt nicht nur Ursachen, sondern auch Ursachen von Ursachen so wie jedes Kind nicht nur Eltern hat, sondern auch Großeltern. Die Frage nach dem „Warum“ ist die Frage nach einem Teilbereich aus einem zeitlich gesehen unendlich großen Netz aus Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen mit einer chaotischen Struktur. Studien und Experimente können diese Frage gar nicht beantworten, da sie nur Korrelationen aufdecken können. Sie können nur Hinweise liefern. Experimente bezüglich Mobbing verbieten sich zudem aus ethischen Gründen. Über die Ursachen können wir also nur Hypothesen aufstellen oder Theorien heranführen. Im wissenschaftsgläubigen Deutschland wird man damit natürlich in der Regel wenig ernst genommen. Ich denke aber, wir alle haben mehr oder weniger ein Gespür für Menschen und Beziehungen und genau dieses sollten wir ernst nehmen und auch als Grundlage von Diskussionen im sozialen Bereich miteinbeziehen und nicht nur Begleitumstände und Korrelationen.

    Zunächst zur Definition von Mobbing, welche ich meinem Text zugrunde lege. Mobbing ist eine Form regelmäßiger seelischer oder körperlicher Gewalt an vor allem schwächeren Menschen über einen längeren Zeitraum. Als seelische Gewalt können in Abwertungen, abwertende Maßnahmen mit und ohne körperliche Einwirkung, Ausgrenzung, Zwangsmaßnahmen gesehen werden. Ob ein Mensch darunter leidet oder nicht hängt davon ab, ob der Täter die Gewalt ernst meint und das Opfer dies auch so interpretiert.
    Ich sehe vor allem zwei Ursachen von Mobbing: Interessenskonflikte und erfahrene Gewalt in Verbindung mit stressauslösenden Begleitumständen, welche Menschen dazu bringen moralische Prinzipien – falls vorhanden - nicht anzuwenden. Vor allem Kinder müssen moralische Prinzipien auch erst lernen durch Erfahrung und Beobachtung.
    Interessenskonflikte um knappe, lebensnotwendige Güter würden wohl auch die friedlichsten Menschen dazu bewegen, Gewalt anzuwenden. Darin sehe ich aber in unserer Gesellschaft nicht den Hauptgrund.

    Die Hauptursachen sehe ich in erfahrener seelischer oder körperlicher Gewalt, v.a. in der Kindheit. Wenn wir als Kinder immer wieder auch subtile Formen von Gewalt erfahren, z.B. in Form autoritärer Zwangsmaßnahmen, Abwertungen, emotionale Vernachlässigung, hohe Erwartungen und damit geschürte Verlustängste, dann wächst in uns Aggression. Diese Aggression verschwindet nicht einfach so. Natürlich baut sich Aggression auch wieder ab, wenn die Gewalt nicht dauerhaft ist und man wieder Liebe erfährt oder wenn man sie z.B. durch körperliche Betätigung oder Wutausbrüchen nach außen führen kann. Doch intensives Mobbing über einem längeren Zeitraum kann so viel Aggression erzeugen, dass ein Abbau nicht mehr möglich ist und dann sucht sie sich andere Wege. Sie staut sich auf, richtet sich gegen den Träger der Aggression (Alkohol, depressive Zustände, Hautkrankheiten, Selbstabwertung,...) oder gegen andere in Form von Gewalt (Mobbing, Schlägereien). Wenn sie nicht mehr aufgetaut werden kann, dann richtet sie sich auch gegen die Person selbst (z.B. Suizid, Ritzen…) oder gegen eine andere Personen (z.B. Amoklauf). Gewaltdarstellungen in Videospielen, gewaltverherrlichende Musik senken meiner Meinung nach nur die Hemmschwelle, diese Aggression nach außen zu tragen, sind aber nicht die wahre Ursache der Gewalt.

    Wenn erfahrene Gewalt wieder Ursache von Gewalt sein kann, dann kann sie sich auch über Generationen ausbreiten. Die Frage ist, wie können wir Mobbing verhindern, wie können wir eine gewaltfreiere Kultur schaffen? Ich denke, ein Schlüssel hierzu wäre, Kinder als junge Menschen zu betrachten und ihnen den gleichen Respekt zuzugestehen wie auch Erwachsenen, sie mit Würde zu behandeln. Dazu gehört auch, Zwangsmaßnahmen auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren und nicht zu versuchen, sie durch Erwartungen, Bewertungen, Gewalt und das Schüren von Ängsten zu formen, sondern sie sich entwickeln zu lassen und dabei kommt auch etwas Sinnvolles heraus, wenn das Umfeld stimmt, denn im Endeffekt wird ein Jeder ein Stück weit zu einem Spiegelbild seines sozialen Umfeldes.

    Dies stellt die gesamte Kultur in Frage, wie wir als Gesellschaft mit Kinder umgehen. Es stellt unser Schulsystem in Frage. Wenn es eine komplett andere Kultur gäbe, wie wir unsere Kinder erziehen, dann werden sie auch als Erwachsene anders sein und andere Bereiche unserer Kultur, unserer Gesellschaft in Frage stellen. Und davor haben wohl auch manche Angst.

    Der wahre Feind ist nicht der Boss, nicht die Mitschüler, nicht die Kollegen, nicht die Nachbarn. Der wahre Feind hat kein Gesicht.
    Es ist Teil unserer Kultur, die den Nährboden für Mobbing bereitet. Dagegen sollten wir friedlich aufbegehren.
    Deshalb habe ich diesen Text geschrieben, denn die Gesellschaft braucht eine Diskussion über die Ursachen der Ursachen.

  2. #2
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    Standard AW: Gesellschaftliche Ursachen von Mobbing und Auswege

    Hallo Vollstrecker

    Danke für diesen überaus bemerkenswerten Beitrag. Ein Beitrag der den Nagel auf den Kopf trifft: Die durch und durch neurotische Gesellschaft!
    Schade, dass er so wenig Anklang fand und keine Diskussion zu entfachen vermochte.

    Ich Denke Du kennst das Werk von Abraham Maslow, "Motivation und Persönlichkeit", in dem er geradezu revolutionär beschrieben hat, dass wir Menschen alle Grundbedürfnisse haben und wenn diese nicht in ausreichendem Mass befriedigt werden, der Mensch an der Seele krank, neurotisch wird.
    Mobbing, als eine Form des Machtmissbrauchs, ist nur ein Ausdruck der vielen Neurosen einer Gesellschaft. Bezeichnend ist aber, dass erst seit der Industrialisierung die Zahl der Neurosen zunimmt. Naturvölkern sind Probleme wie Mobbing so gut wie fremd.
    Ärzte wie Sigmund Freud versuchten diesem aufkommenden Problem mit der Therapie der Seele, der Psychotherapie, entgegenzutreten, um dessen Herr zu werden. Mit einigem Erfolg aber jeweils nur sehr individuellem. Denn dem Grundproblem, den eigentlichen Ursachen wagte man erst gar nicht zu begegnen bzw. es zu thematisieren. Es war und ist die Ausbeutung und der Missbrauch der Masse für den Reichtum bzw. der unersättlichen Gier einiger weniger.

    Das Problem vor dem selbst die besten Therapeuten und Therapien stehen ist: Was nützt die beste Therapie, ein heiliger Ort in der Therapiesitzung, wenn der Klient am Ende der Sitzung wieder in eine kranke neurotische Welt zurückgeworfen wird? Eine Welt die ihm nach der Sitzung nicht surrealer vorkommen muss denn je? Ausser, dass da ein Mensch ist, der Therapeut, der einen Lichtblick im Dunkel repräsentiert, zu dem man immer wieder hingehen kann! Ein Grund vielleicht warum viele Menschen "Therapiesüchtig" werden?!

    Ich muss Dir leider widersprechen: Der Feind hat ein Gesicht. Sein Gesicht steht in jedem Wohnzimmer und/oder befindet sich in der Hosentasche. Der Fernseher oder das Handy, das die so wertvolle Kommunikation und Auseinandersetzung mit dem Nächsten von Angesicht zu Angesicht ersetzt ja selbst in Form der Tageszeitungen. Sie alle sind bis zum Rand angefüllt mit: Indoktrination, Manipulation und themenpolarisierender, Feindbilder erzeugender Propaganda.

    So gelang es den Menschen über viele Generationen hinweg von seiner natürlichen sozialen, altruistischen Gesinnung zu einem mal mehr mal weniger rücksichtslosen Egoisten umzuformen. Unreife Egoisten, die sich paradoxerweise besser und leichter manipulieren lassen als autarke Persönlichkeiten die im Sein statt im Haben verhaftet und verankert sind. (Siehe Erich Fromm: "Haben oder Sein")
    Zutiefst neurotische Wesen, die nicht mehr wissen wer sie eigentlich sind bzw. sein sollen und in welcher Beziehung sie zu anderen Menschen stehen. Die meisten Menschen haben verlernt füreinander da zu sein. Stattdessen ist sich, mehr denn je, jeder selbst der Nächste. "homo homini lupus" Ist der Mensch in der Tat zu des Menschen Wolf geworden.

    Abraham Maslow, Carl Rogers, Erich Fromm, Mahatma Gandhi und viele viele Andere haben uns aufgezeigt, dass es auch anders geht. Menschlich statt unmenschlich! Mitfühlend statt rücksichtslos!
    Und gerade Mahatma Gandhi hat uns gezeigt was wahre Macht eigentlich ist und vermag. Unsere Wut ein Geschenk der Schöpfung ist, das sich vortrefflich utilisieren lässt eine ganze Kultur umzuwälzen und so zu verändern, dass Ausbeutung und Tyrannei vor dieser Macht, die in jedem von uns schlummert, kapitulieren muss. Nicht durch Ausübung physischer Gewalt, sondern durch Verweigerung der Kooperation mit jenen die das Schlechte im Sinn haben; durch passiven Widerstand.

    "Vereinigung ist das Mittel alles zu können"

    Zitat: Hans A. Pestalozzi, Rechte Hand von Gottlieb Duttweiler, dem Gründer des Migros Konzerns, und ehemaliger Leiter der Gottlieb Duttweiler Stiftung.
    Seine Bücher: "Nach uns die Zukunft, von der positiven Subversion" und "Auf die Bäume ihr Affen" sind heute geradezu wieder Pflichtlektüre geworden, um einen Einblick zu bekommen und zu verstehen mit welchen Mitteln und wohin unsere Gesellschaft gesteuert werden soll.

    Wer auch wissen möchte worauf sich unser vermeintlicher Wohlstand aufbaut, sollte Karl Marx' "Das Kapital" gelesen haben. Es ist geradezu bezeichnend wie zu seinem 200 sten Geburtstag sich Schmäh-Kommentare über sein Werk und die Auswirkungen auf den damals rücksichtslosen Kapitalismus in der Presse aufblähen.
    Wer das o.g. Werk tatsächlich liest, wird erschrecken welche Parallelen sich wieder zur heutigen Zeit ergeben.

    Und zum Thema Mobbing möchte ich noch zwei einfache Bemerkungen machen.

    1. "Die glücklichen Sklaven sind die grössten Feinde der Freiheit!" Maria Freifrau von Ebner-Eschenbach
    2. Einer meiner Mitarbeiter stellte einmal in der Diskussion die wir zum Thema Führung führten folgende Frage in den Raum: "Was ist das erstrebenswerte, das höchste Ziel eines Sklaven?" Er gab die Antwort gleich selbst: "Ist doch ganz einfach, ein Sklaventreiber zu werden!"

    Jeder möge sich nun selbst ein Bild formen, wo die Ursachen zu suchen sind, für die Verwerflichkeiten und Niedertracht die uns jeden Tag, bzw. den von Mobbing Betroffenen, begegnet.

    Könnte Mobbing vielleicht mit der eigenen, unerkannten Neurotik in Zusammenhang stehen? Denn wer von uns wollte und könnte behaupten vollkommen zu sein?
    Wie gut gleichen wir selbst den Vorbildern und Menschen, die wir so vehement von anderen fordern?
    Was trägt unser Nichtstun und feiges Wegsehen dazu bei, dass die verqueren Beziehungen in Beruf, Familie und Partnerschaft leider eben so sind wie sie sind?

    In diesem Sinne nochmals recht herzlichen Dank für die das Herz erfrischenden Zeilen.
    Es war mir eine wahre Freude sie zu lesen :-)

    Viele Grüsse
    Compliance

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