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Thema: Die Schublade öffnen

  1. #1
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    Frage Die Schublade öffnen

    Hallo, ich bin neu im Forum und hoffe hier Leute finden zu können, mit denen man sich über mein Thema austauschen kann. Es ist nicht einfach, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu finden, die auch noch darüber reden wollen.

    Ich wurde von ca. 7-12 in der Schule stark gemobbt. Das war mit Abstand die schlimmste Zeit meines Lebens, ist inzwischen aber schon über 10 Jahre her. Gefühlt habe ich die Erfahrungen aus der Zeit geistig in eine Schublade gepackt, die ich nur noch selten öffne um darüber nachzudenken, ansonsten bleibt sie zu. Diese Zeit ist für mich kein alltägliches Thema mehr, ich habe mich von den damaligen Umständen entfernt.

    In letzter Zeit bin ich jedoch ins Nachdenken gekommen. Ich frage mich, ob diese Zeit nicht vielleicht doch mehr Spuren hinterlassen hat, als mir Recht wäre. Durch meine aktuelle Therapie wird mir jetzt immer mal wieder bewusst, dass ich bis heute in "triggernden" Situationen teilweise innerlich in alte Gedankenmuster verfalle, deren Wurzeln ich in meiner Mobbing-Zeit sehe.
    Beispielsweise habe ich erst vor kurzem erkannt, dass es wahrscheinlich im Zusammenhang steht mit meiner Tendenz, extrem sensibilisiert zu sein für (empfundene oder reale) öffentliche Demütigung, was bei mir einen totalen Gefahrensituation-Adrenalinstoß verursacht. Jetzt überlege ich, ob es nicht vielleicht doch sinnvoll wäre, "die Schublade zu öffnen" und anstatt es beiseite zu tun mal darüber zu reflektieren, wie es einen geprägt hat.

    Daher wollte ich mit Euch ein Gespräch eröffnen über die Spätfolgen von Mobbing. Vielleicht kann das helfen, bestimmte Verhaltensmuster einordnen zu können, das Stigma dazu abzubauen (siehe "Das ist doch schon ewig her, warum bist du nicht darüber hinweg?") und letztendlich bessere Akzeptanz finden zu können darüber, wo der Weg einen hingeführt hat und wo man jetzt steht, um einen sichereren Standpunkt zu haben, von dem aus man sich der Zukunft zuwendet.

    Wer von Euch hatte Mobbing-Erfahrungen und hat danach oder vielleicht sogar bis heute solche Verbindungen im Denken oder Verhalten zu dieser Zeit erkannt? Wie hat es z.B. Eure Freundschaften, romantische Beziehungen, den Selbstwert oder das Verhältnis zu Autoritätspersonen geprägt?

  2. #2
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    Standard AW: Die Schublade öffnen

    Hallo FullCircle,

    warum machst du dir jetzt, aktuell all solche Gedanken? Es muß ja einen Anlass dazu geben.
    Was all die Erfahrungen aus der Kindheit anbetrifft, so ist es nunmal so, daß sie einen ein Leben lang prägen, ob man das will oder nicht. Man sollte sich dessen aber immer bewusst sein. Es gehört nun mal zu deinem eigenen Ich. Es geht dabei um die Selbstanerkennung, daß es einfach so ist bzw. war. Und da heraus kannst du dich auch zurechtfinden im eigenen Leben.
    Ob du nun diese Schublade für dich jetzt aufmachst oder nicht, wird nichts an deinen nunmal gemachten Erfahrungen ändern. Diese Schublade wird sich dir immer mal wieder wie von selbst auftun und du wirst dann sehen, daß es vor allem die Kindheitserlebnisse waren, die dich geprägt haben. - Na und? Jeder Mensch muß schließlich damit sein eigenes Leben leben.
    Und sehr frühe Mobbing-Erfahrungen, wenn man diese auch für sich selbst als solche erst einmal anerkennen kann, können gewiß auch wie ein Schutzschild im weiteren Leben sein, wenn ich eben weiß, da und da bin ich angreifbar, verwundbar. Es geht dabei um's Bewußtsein der eigenen Schwächen, um diese möglichst niemanden (im Berufsleben vor allem) zu zeigen.
    Aber dies ist nunmal weitgehend erst mal alles Theorie. Probiere dich einfach aus im realen Leben und schau dann mal ab und zu in deine Schublade, wenn du irgendetwas nicht verstehst oder nachvollziehen kannst, was dir gerade widerfährt. Es hilft dann meist weiter, sich selbst (wieder) zu erkennen.

    Ich bin übrigens mehr als doppelt so alt wie du und schaue gerade wieder in letzter Zeit immer öfter mal wieder in meine diesbezügliche Schublade... und sehe nur das bestätigt, was ich dir schon schrieb: unglaublich viele Kindheitserfahrungen, aber auch viele Erfahrungen in früheren Jobs, in Partnerschaften, Freundschaften etc..
    All das gehört nunmal zu meinem eigenen Leben.
    Geändert von Nickname (15.02.2019 um 04:49 Uhr)

  3. #3
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    Standard AW: Die Schublade öffnen

    Hallo Nickname,

    danke für deine Antwort.
    Ich mache mir wie gesagt aktuell dazu Gedanken hauptsächlich wegen meiner Therapie, durch die mir Verbindungen zwischen aktuellen Situationen und meinen Mobbing-Erfahrungen bewusst werden. Ein Teil davon ist, dass ich mich vor ein paar Monaten mit der Person, die ich ein paar Monate gedatet habe, zerstritten habe, und mich beschäftigt, wie meine Wahrnehmung in der Situation eventuell damit im Zusammenhang steht. Ich denke auch, dass die Berichte über den Selbstmord der Schülerin in Berlin schlechte Erinnerungen bei mir hochbringen.
    Ich habe schon lange akzeptiert, dass das Mobbing, wie alle anderen Lebenserfahrungen auch, mich geprägt hat, dass man anerkennen muss wer man ist und wie man dahin gekommen ist. Mir geht es zwar nicht super, aber ich finde mich in meinem Leben zurecht und komme voran. Ich habe den Eindruck, dass wir etwas aneinander vorbeireden.
    Du hast geschrieben "Man sollte sich dessen aber immer bewusst sein" und "Es geht dabei um's Bewußtsein der eigenen Schwächen". Das ist gerade mein Punkt, ich weiß zwar, dass das Mobbing Spuren hinterlassen hat, aber mir wird jetzt seit kurzem zunehmend klar, dass diese Spuren andere Auswirkungen und Ausmaße hatten, als ich vermutet hätte. Das bringt mich wiederum zur Frage, wenn das so lange unerkannt blieb, was habe ich dann noch übersehen? Ich erhoffe mir durch Austausch mit anderen Betroffenen von Mobbing, vielleicht eben diesem Kenntnis/Bewusstsein einen Schritt näher zu kommen.
    Zum Beispiel: Wenn jemand erzählt, ihm/ihr ist X passiert und später haben sie gemerkt dass es Y bei ihnen ausgelöst hat, dann kann jemand anderem wie mir vielleicht klar werden - Wow, sowas ist mir auch passiert, und mir war bisher nie klar, dass meine Eigenschaft Y damit im Zusammenhang stehen könnte. Mir ist beispielsweise erst vor kurzem klar geworden, dass meine Angewohnheit, dass ich manchmal in Konfliktsituationen ins Bad gehe und dann Angstanfälle bekomme wahrscheinlich im Zusammenhang steht damit, dass ich zur Schulzeit in akuten Stresszuständen manchmal in die Schultoilette geflüchtet bin. Ich habe große Erinnerungslücken aus der Zeit meines Mobbings, das erschwert es mir weiter, diese Verbindungen erkennen zu können. Das aus meinem Beispiel ist mir erst vor kurzem überhaupt wieder eingefallen.
    Einen Austausch von Erfahrungen würde ich daher sehr schätzen. Lebenserfahrung ist gerade das was womöglich solche Erkenntnisse mitbringen könnte.
    Ich hoffe, ich konnte meinen Gedankengang so besser darstellen.

  4. #4
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    Standard AW: Die Schublade öffnen

    Wenn ich dich richtig verstanden habe, bist du derzeit in Therapie. - Ist das richtig?

    Ich habe aus Psychotherapien als auch Psycho-Reha's teils gute Erfahrungen und Selbsterkenntnisse mitnehmen können und habe aber erstmals mit etwa 50 Jahren selbst Stück für Stück erkennen können, wie sehr mich besonders all meine Kindheitserlebnisse geprägt hatten. Da waren weniger Mobbingerlebnisse von anderen Schülern, wohl aber von einem bestimmten Lehrer ausgehend, was bei mir einst im Vordergrund stand. Oder z.B. mein meist jähzorniger Vater, der mir fast nichts zutraute und mich ständig runtermachte, was in mir zunächst erst einmal immer wieder die Reaktion auslöste, es ihm und allen anderen zu zeigen, was ich alles imstande bin zu leisten.
    Wie gesagt: Erst mit etwa 50 habe ich meine persönliche Schublade erstmals richtig geöffnet und so manches Erstaunliches darin finden können.

    Anlass bei mir zu diesem Schubladen-Öffnen war einst der völlige, für mich absolut nicht nachvollziehbare Kontaktabbruch meines Sohnes zu mir über Jahre hinweg, der mich psychisch ziemlich fertig machte. Wie als Strohhalm kam mir damals eine zweitägige private Veranstaltung einer sehr erfahrenen Psychotherapeutin zu Hilfe. Das Ganze lief unter der in Psychologenkreisen höchst umstrittenen Therapieform bzw. Überschrift "Familienaufstellung".
    Zurückblickend kann ich nur sagen, daß diese Veranstaltung seinerzeit das Beste FÜR MICH war in dieser Zeit, was mir passieren konnte. Ich habe zwar unmittelbar danach erst einmal heulen müssen wie ein Schloßhund, weil die Selbsterkenntnisse für mich so umwerfend neu waren, doch im Endeffekt, in der Langzeitwirkung war und ist es für mich heilsam, wohltuend und Lebenskraft gebend.
    Es war auch wie der absolut passende Schlüssel zu meiner persönlichen Schublade, die ich zuvor jahrzehntelang ignorierte, mir irgendwie gleichgültig war. Diese Veranstaltung stand auch unter der bemerkenswerten Überschrift: "Ohne Wurzeln keine Flügel".
    Soweit zu meiner persönlichen Geschichte zum Schubladenöffnen. Es war eine äußerst wichtige Lektion in meinem Leben, die ich erst ziemlich spät lernte, jedoch keineswegs missen möchte. Der passende Schlüssel zu dieser Schublade liegt seitdem für mich immer griffbereit.

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