Ich habe in einem Internat gelebt, was viele Jahre her ist und hab da Mobbing in krassem Ausmass erlebt. Ich war weder das Opfer noch der Mobber, sondern stets der Zuschauer.
Mit 9 kam ich dort hinein. Die Schüler in meiner Klasse, waren fast alle, völlig ausser Rand und Band. Bleistifte, radiergummis und Spitzer, wurden durch die Gegend geschmissen und unsere Matheaufgaben, zu Papierfliegern gefaltet und aus dem Fenster fliegen gelassen, und sollche Sachen eben.
Ich fand es amüsant. Ich hab da zwar kaum mitgemacht, aber ich sass immer lachend da. Bis auf 2 Mädchen, waren wir nur Jungs in der Klasse, und die beiden Mädchen, verhielten sich aber genau so. Sie hatten sich eben angepasst.
Die Lehrer, waren überfordert und waren einfach nur froh, wenn es auch mal ruhigere Tage gab. Denn die meissten verliefen, wie eben beschrieben.
Nach ein paar Wochen, kam dan eine neue zu uns in die Klasse. Sie hiess Melanie (nicht wirklich ihr Name), trug ein sehr komisches Kleid mit Blumenmotiv, hatte schwarze Haare, die wie eine aufgesetzte Perrücke aussahen und trug eine Brille. Ich wusste es sofort, als ich sie ansah: DIE WIRD HIER GEMOBBT!!!
Und ich behielt recht. Es fing schon an, als sie da vorne stand und sich vorstellte. Sie sprach sehr leise und stotterte, was es echt anstrengend machte, ihr zu, zu hören. Natürlich wurde direkt getuschelt und gekichert, während sie schüchtern da vorne stand und irgendetwas vor sich hin murmelte. Nicht Einer, hat ihr zu gehört. Es wurden mit der Zeit auch Sprüche geklopft und sie immer wieder unterbrochen. Es viel ihr jedes mal schwer, wieder mit dem reden anzufangen, wenn sie ersteinmal unterbrochen wurde. Und genau das, wurde sehr oft gegen sie verwendet. Die Kinder machten sich auch ein Spass daraus, sie irgend etwas zu fragen und wenn sie darauf antwortete, taten sie so als hören sie ihr zu und liefen dan einfach weg, ehe sie fertig mit erzählen war, oder sie fragten sowas wie: „hä hast du was gesagt? Redest du mit mir?“
Sie machten dieses Spiel immer wieder mit ihr, bis es irgendwan nicht mehr funktionierte. Melanie ging nicht mehr drauf ein und begann alle zu ignorieren, also musste was neues her.
Sie begannen, Melanie mit Papierbällen oder stücken von Radiergummis, zu bewerfen, wenn der Lehrer gerade nicht hin sah. Und Melanie? Sie tat nichts. Sie sass nur da und duldete es.
Auch wenn ich nicht mitgemacht hab, kann ich nicht behaupten, das ich besser bin, als die anderen. Ich sass grinsend da und sah amüsiert zu.
Sie wurde vom ersten Tag an, täglich gehänselt. Egal wo sie war. Auf dem Schulhof, wurde sie absichtlich von Kindern angerempelt und geschupst. Man zeigte mit dem Finger auf sie und beschimpfte sie als Psycho und nicht selten, wurden ihr Sachen entrissen, die sie dabei hatte, die dan meisstens, entweder im Dornengebüsch oder im Bach landeten. Einmal wurde sie in den Bach geschubst, als sie ihren Rucksack raus fischen wollte. Das Gelächter, das damals aus den vielen Kindern und Jugendlichen ausbrach, hör ich heute noch. Ich hatte natürlich auch gelacht. Kaputt gelacht, hab ich mich.
Melanie dachte wohl, wenn sie einfach alles ignoriert, hört es von selbst auf. Warscheinlich, wurde ihr das so erklärt, aber das funktioniert eben nicht.
Mobber wollen eine Reaktion des Opfers sehen. Bekommen sie nicht, was sie wollen, fahren sie höhere Geschütze auf!
Es ging Tag für Tag so. Ich weiss nicht, wie es in ihrer Wohngruppe so ablief, da ich in einer anderen war, aber auf dem Schulweg, fing es immer an. Einige aus meiner Klasse, warteten auf sie und begleiteten sie dan, wobei sie Melanie, dumme Fragen stellten, ihren Rucksack durchsuchten, ihr durch die Haare wuschelten, oder versuchten ihr ein Bein zu stellen. Oder sie stellten sich immer wieder vor sie. Einfach um ihr den Weg an ihr Ziel, so schwer zu machen, wie es nur irgendwie möglich war. Sie tat nichts weiter, als ihnen auszuweichen, so gut sie konnte und wehrte sich so gut wie gar nicht. Sie riss sich manchmal los, wenn sie festgehalten wurde, aber mehr nicht. Und sie blieb immer ganz Still dabei.
Ich war sehr oft dabei, aber immer etwas abseits von der Gruppe, damit ich unauffällig weglaufen konnte, fals ein Lehrer oder Betreuer auftauchte, um nicht damit in Verbindung gebracht zu werden: jep ich war feige!
Es wurde immer schlimmer, aber Melanie, suchte weder Hilfe, noch wehrte sie sich. Sie nutzte nur andere Wege zur Schule und nahm oft nichts mit, damit man ihr auch nichts weg nehmen konnte, nur brachte das halt nichts. Ihre neuen Routen, waren immer schnell herausgefunden und da hatte sie ihre Begleitung wieder. Und der Schule, konnte sie auch nicht ausweichen. Überraschend war, das sie kaum fehlte. Sie kam fast immer pünktlich zur Schule, obwohl sie doch wusste, das sie die Hölle erwarten würden.
So vergingen Tage und Wochen, in denen sie keine 5 Minuten in Ruhe gelassen wurde.
Besonders schlimm, war aber der Sportunterricht. Das war immer einmal in der Woche und egal was wir spielten. War es Völkerball, Mattenlauf oder Baskettball. Melanie, stand nur rum. Sie reagierte nicht, wenn man ihr ein Ball zu wurf. Was natürlich für die Kinder verlockend war. Immer wenn der Lehrer nicht hin sah, bewarf man sie absichtlich mit Bällen, aber sie blieb stur stehen, wie eine Vogelscheuche.
Einmal warf einer mit voller Wucht ein Baskettball an ihr Hinterkopf, wodurch ihr die Brille aus dem Gesicht viel. Das war das erste mal, das ich sie weinen sah, aber ich hab nur wie alle anderen gelacht und der Junge, der geworfen hatte, bekam gerade mal eine Standpauke.
So ging es lange Zeit weiter. Man konnte sie hänseln, so oft man wollte und kam einfach ungestraft davon, bis sich irgendwan die Betreuer und Lehrer an uns wanden. Sie hielten uns einen Vortrag über Mobbing und das man niemanden ausgrenzen sollte, usw. irgendjemand hatte sich wohl an die Lehrer oder Betreuer gewendet. Ob es Melanie selbst war, oder sonst jemand, wusste wohl niemand, aber seitdem wurde es ruhiger. Melanie wurde die meisste Zeit in Ruhe gelassen, aber man mied sie auch. Soweit ich weiss, mochte sie wirklich niemand. Ich hatte sie nie mit anderen Kindern, abhängen sehen. Sie sitzte meisstens an der Wand vom Schulhaus, oder versteckte sich auch oft.
So verging einige Zeit, in der sie nicht mehr so viel ertragen musste, ausser das man sie überall ausschloss.
Aber als wir so 12 waren, ging es wieder so richtig los. Sie wurde im Schulunterricht wieder mit Sachen beworfen, man schrieb ihr böse Briefe, oder schubste sie von ihrem Stuhl, wenn die Lehrerin abgelenkt war.
Einmal ging die Lehrerin kurz raus, da haben 4 Jungs ein Filzstift geschnappt und gingen zu ihr. Sie hatten einfach an Armen, am Hals im Gesicht und auch auf die Brille gekritzelt. An ihrem Verhalten, änderte sich nichts. Sie duldete es einfach.
Die Lehrerin hat die vier erwischt und sie mussten nachsitzen, aber das war es auch schon.
Ich war damals sehr Schadenfreudig und hab mich immer innerlich gefreut, wenn sie was fieses machten. Aber dann passierte etwas, das den Rahmen sprengte. Es geschah im selben Jahr bei der Klassenfahrt. Nach einer langen Wanderung, gingen alle Kinder duschen. Ein Junge meinte dan so, wir sollen mitkommen. Ich und ein paar andere Jungs, zogen uns schnell an und gingen rüber zur Mädchendusche, aber ich ging nicht mit rein. Ich hatte aber rein geschaut und da sah ich, wie 6 Jungs zu Melanie gingen. Melanie stand nackt da und schützte ihre Intime Stelle, aber die Jungs packten sie und zerrten sie nach draussen. Melanie schlug und trat wild um sich. Das erste mal, das sie sich wehrte, aber sie hatte keine Chsnce. Sie trugen Melanie nach draussen zum naheliegenden Wäldchen und warfen sie in Brennnesseln. Da schrie sie und weinte und als sie versuchte, aufzustehen und aus den Brennnesseln zu entkommen, schubsten sie sie wieder rein oder traten sie.
Ich war schockiert. Ich sah es gern, wenn sie geärgert wurde, aber das war zu viel. Ich bin einfach weg gegangen und hab keinem was gesagt. Ich weiss nicht, wie lange sie dort von den Jungs gequält wurde.
Ich sah sie erst beim Abendessen wieder. Sie hatte ein blaues Auge, ihre Unterlippe war geschwollen und sie hatte blaue Flecken und Schürfwunden an den Armen und Beinen.
4 der beteiligten Jungs, wurden den Schule verwiesen. Die anderen 2, kamen mit einer Verwarnung davon.
Kurz nach der Klassenfahrt, war Melanie fort. Uns wurde nur gesagt, das sie die Schule gewechselt hat, aber es sprach sich rum, das sie nun in einer Psychiatrie ist.
Ich weiss bis heute nicht, was aus ihr geworden ist.


Ich hab ihr zwar nie was getan, aber dennoch bin ich der schlimmste von allen. Ich hab gar nichts getan. Ich hab nichts dafür getan, um was zum lachen zu haben. Die anderen taten es und riskierten eine Strafe, während ich amüsiert gugucken konnte und nie ein Zusammenschiss kassierte oder eine Strafe bekam. Ich hätte ihr helfen können, als sie nackt in die Brennnesseln geworfen wurde, oder ich hätte zumindest Hilfe holen können. Aber ich tat nichts.


Ja ich war ein echtes Arschlochkind. Ich bin mittlerweilen erwachsen und bin ein komplett anderer Mensch geworden. Ich weiss nicht, warum ich damals so viel Freude empfand, wenn jemandem geschadet wurde. Ich weiss auch nicht, wie ich es beschreiben soll. Es war einfach ein gutes Gefühl. Wenn ich aber heute darüber nachdenke, wird mir fast schlecht. Und wenn ich Geschichten von Mobbing höre, hab ich Mittleid mit den Opfern und empfinde Hass für die Mobber.
Habt ihr vielleicht eine Idee, warum ich als Kind so gefühlt hab? Hattet ihr das vielleicht auch? Habt ihr eine ähnliche Mobbinggeschichte erlebt? Wart ihr vielleicht sogar Opfer oder Mobber?
Würde mich über Kommentare freuen.