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Thema: Gentrifizierung = Grund für's Beschimpfen von Ärmeren bzw. Ungebildeten?

  1. #1
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    Standard Gentrifizierung = Grund für's Beschimpfen von Ärmeren bzw. Ungebildeten?

    (Erstmal: Ich habe mich eben durchs Forum gewühlt und hoffe, dass das Thema hier reinpasst.)

    Hallo,

    ich wohne in einem Stadtteil, der gerade massiv aufgewertet wird, weil hier in naher Zeit einige langfristige Großveranstaltungen geplant sind und der Ort von der Stadt, in der ich lebe, als idealer Platz für diese Veranstaltungen auserkoren hat. Deswegen wird hier viel gebaut, die Mieten werden durch Verkäufe von Altbauten erhöht, sogenannte Klima-Häuser (mit eigener Strom- und Warmwasser-Versorgung) werden gebaut und noch vieles mehr.

    In diesem Stadtteil lebten und leben vorwiegend Leute aus den unteren Schichten, zu denen ich rein statistisch auch zähle, weil ich eine Geringverdienerin bin und deshalb mit ALG II aufstocken muss. Mein Wohnort an sich ist sehr schön- viel Grün, viele Altbauten und nur sehr wenige Hochhäuser. Doch seit zwei Jahren wandelt sich eben das Bild und mit der Ansicht des Stadtteils verändert sich das Bild von den Bewohnern. Es ziehen immer mehr sog. Schicki-Micki-Leute und alternativ lebende Studenten hierher.

    Das wäre an sich nicht das Problem. Ich beneide sie auch nicht, weil ich keinen Grund dazu habe, auch nicht wegen ihrem Platz in der Gesellschaft. Es geht nur um das Benehmen von einigen vielen hier. Ich habe kaum eine Ahnung, warum einige das machen, aber ich habe schon des Öfteren mitbekommen, dass einige sich über die asozialen Arbeitslosen, Flodder-Familien, kopftuchtragenden Türkinnen (nicht mein Wortlaut, ehrlich!) aufgeregt bzw. über diese Leute lustig gemacht haben. Auch mir ist es schonmal passiert, dass ich als asozial und ungebildet betitelt wurde, obwohl ich nur an einem Straßencafé entlang gegangen bin. Auch im Bus wurde ich von Studenten als "Erdbeerkäse" bezeichnet. Da ich nicht wusste, was das sein soll, habe ich es später bei Google eingegeben und habe herausgefunden, dass das ein Begriff aus der Sendung Frauentausch ist und zwar von einer jungen, recht langsam wirkenden Frau. Irgendwie habe ich keine Ahnung, warum man die Leute so schneidet, nur weil sie gerade dort sind, wo sie sind!

    Was noch hinzu kommt, dass ich aufgrund der Gentrifizierung selten in mein ehemaliges Stammcafé gehen kann. Die Preise haben sich dort innerhalb von anderthalb Jahren aufgrund der steigende Miete (das Café ist in einem Kulturzentrum untervermietet) so dermaßen erhöht, dass ein Becher Kaffee und ein Stück Kuchen nicht mehr drei Euro sondern sechs Euro kostet. Früher waren wir mit dem Inhaber per du und haben uns sehr gut mit ihm verstanden und konnten auch mal einen Plausch mit ihm halten. Aber seit diese Gentrifizierung stattfindet, wurde ich im eigenen Stamm-Café bei jedem Besuch mehr und mehr von den Kunden von oben bis unten schräg angeschaut, der Inhaber hatte immer weniger Zeit zum Plaudern und die Angestellten, die er vorher eingestellt hatte, waren viel netter und auch nicht so arrogant. Klar, es war abzusehen. Aber nach mehreren Besuchen mit immer mehr Nebeneffekten dieser Art hatte ich einfach keine Lust mehr. Die Atmosphäre, die vorher da war, wurde m. E. durch diesen Wandel völlig kaputt gemacht.

    Ich bin eher auf den Umstand wütend. Die Leute ziehen hierher und finden es geil, weil es so urban und so anders ist, finden die Altbauten am Rande des Industriegebiets so cool und ziehen dort hin. Gleichzeitig schimpfen sie über die "Asozialen" und "Ausländer", und dass hier so viele Schmuddelkinder leben, die angeblich nicht mal einen Satz richtig gerade heraus bringen können - und das nicht nur auf der Straße, sondern inzwischen auch sogar in der Stadtteil-Zeitung (als Leserbriefe, Artikel und andere Aufmachungen).

    Solche Sachen fördern meiner Meinung nach nur noch mehr die Wut auf- und untereinander, also zwischen denen, die vermeintlich ungebildet und verlottert wirken und jenen, die sich auf ihre Bildung und elitäre Herkunft etwas einbilden.

    Was meint ihr dazu?

    Viele Grüße,

    Oskar aus der Dose
    Geändert von Oskar aus der Dose (09.06.2012 um 12:12 Uhr) Grund: Doppelte Buchstaben :-)

  2. #2
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    Standard AW: Gentrifizierung = Grund für's Beschimpfen von Ärmeren bzw. Ungebildeten?

    Hallo Oskar,

    ich stimme dir in Allem voll und ganz zu!!!
    Ich habe zwar nicht diese Erfahrungen gemacht wie du, aber dennoch bin ich nun, aus gegebenem Anlass, auch nicht gerade begütert. Ich will sagen, dass ich nun auch mal einen günstigen Kaffee und nette Plauschereien brauchen, die es hier in meinem Stadtteil nicht mehr gibt. Nun verzichte ich darauf und bin froh, wenn ich mir bei Aldi noch das nötigste leisten kann.

    Die asozialen waren in meinen Augen schon immer die Reichen (nicht Alle natürlich). Diejenigen, die von ihren Eltern viel Geld geerbt haben oder bekommen haben, keine eigenen Leistungen erbringen mussten und darauf auch noch stolz sind. Ich weiß von einigen Leuten, dass die dieses Geld auch nicht gerade legal erworben haben. Also, die sind für mich, das war schon in meiner Jugend so, das Letzte!

    Diejenigen, die ich mag, sind so wie ich. Sozial, autonom, gesund, gelassen und auch selbstbewußt. An allen Anderen versuche ich permanent herumzuerziehen. Manchmal mit Erfolg.
    So Geschäftsleute im Kulturcafe können letztlich auch nichts für die Mietsteigerungen und deshalb müssen die ihren Kaffee eben teuerer verkaufen und höhere Löhne für die Angestellten zahlen. Das ist so ein Kreislauf!

    Uns fehlt es an Beratung und Entspannung für arme Leute. Sauna, Schwimmbad, Fitness, Massagen, Wellness ist für uns viel zu teuer. Andere Dinge wie Kino und coole Klamotten, Disko, nette Vergnügungen und Veranstaltungen kosten viel Geld. Wer kann sich sowas denn leisten?

    Es ist sehr traurig, dass deshalb die Menschen immer kränker werden. Diejenigen, die sich das unbedingt leisten wollen, die beuten die anderen Leute aus und beschimpfen und beleidigen sie und die anderen ducken sich und sitzen auf Parkbänken rum und fangen an zu saufen (muss man nicht machen, ist aber oft so).

    Ja, ich gebe dir recht damit, dass diese Umstände angeprangert werden müssen und man muss dafür sorgen, dass es einigermaßen gerecht zugeht. Also Cafe`für Alle!

    LG
    Ibag

  3. #3
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    Standard AW: Gentrifizierung = Grund für's Beschimpfen von Ärmeren bzw. Ungebildeten?

    Hallo ibag,

    was dieses Thema angeht, wollte ich auf zweierlei Weisen darüber nachdenken.

    Zum einen:
    Was gibt Besserverdienenden/Studenten/Künstler/Querdenker/sonstige Gentrifizierungs-Zugpferde eigentlich das Recht, über Leute, die in der Gesellschaft eher unten angesiedelt sind bzw. eine Randgruppe darstellen und die in ihrer neuen Wohn- und Arbeitsumgebung mitleben, so herzuziehen?

    Zum anderen:
    Wie kann man als Betroffene(r) darüber nachdenken, sich den gegebenen Umständen anzupassen? Wie geht man mit Blicken um, wenn man auch mal ins Szene-Café möchte? Sollte man milde lächeln, wenn einem die Studenten-Tussi (sorry für den Ausdruck) am Ärmel packt, nur weil sie als erste aus dem Bus aussteigen möchte? Wie kann man sich niveauvoll wehren und zeigen, dass man zu angepassterem Verhalten fähig ist?

    Dass durch die Gentrifizierung alles aufgewertet wird (logisch) und dadurch die Ladenmieten für etwaige Stamm-Cafés (-Restaurants, -Bars, etc.) steigen, ist -wie bereits geschrieben- klar. Dass sich die soziokulturellen Bedingungen für Geringverdiener und ALG I bis II-Empfänger verschärfen, ebenso. Dass generell unter denen, die um ihre Wohnungsmiete zittern, eine gereizte Stimmung herrscht, ist auch kaum von der Hand zu weisen. Ich selbst bin mir ja kaum noch sicher, ob ich in meiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung noch übernächstes Jahr hier wohnen kann

    Ich möchte mich an dieser Stelle auch nicht allzu arg über die ganzen Leute aufregen, die gelinde gesagt einen EQ (emotionalen Quotienten) wie drei Meter Feldweg haben. Da wäre ich, denke ich, den ganzen Tag beschäftigt, wenn ich das machen würde Finde es nur immer wieder erstaunlich, was man so mitbekommt und vor allem liest. Besonders auf Bewertungsportalen für örtliche Geschäfte. Den einen oder anderen Typen, der Geschäfte in der Ortschaft bzw. im Stadtteil bewertet hat sogar noch ein Konterfei von sich parat und einige kenne ich sogar vom sehen. Allein dieser Hipster-Style hat hohen Wiedererkennungswert. Jedenfalls-- was auf solchen Portalen zu lesen ist, zum Beispiel bei den hier bestehenden Supermärkten, ist, ja.. fast schon lustig, wenn's nicht so traurig wäre. Sätze wie "...und ganz besonders das Kunden-Klientel dort ist ab und an immer wieder ein kleines Highlight " und andere Sachen.

    Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Stimmung hier im Viertel irgendwann definitiv hochkochen wird. Letztes Jahr wurden zwei Geschäfte (ein Café und eine Konzert-Bar) überfallen und die Inhaber wurden verprügelt. So weit ist es jetzt schon gekommen. Da schäme ich mich aber auch für meinen jetzigen Wohnort.

    Ratlose Grüße

    (die) Oskar aus der Dose

  4. #4
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    Standard AW: Gentrifizierung = Grund für's Beschimpfen von Ärmeren bzw. Ungebildeten?

    Hallo Oskar,
    die Reichen haben kein Recht sich über die zu erheben, die weniger haben, das ist doch klar. Sie tun es aber trotzdem. Z.B. in auch in Schulen. Wenn Jemand preiswert aber sauber gekleidet ist und nicht auffällig "müffelt" oder sich unsozial verhält, sollte doch wirklich nicht dazu auffordern, dass man über ihn herzieht.

    Zweitens denke ich mir, wenn ich in so ein angesagtes Cafe gehen will, fühle ich mich wohl, wenn ich von der Kleidung her einigermaßen hinpasse. Keine Klamotten, die alt sind z. B.
    Falls mich Jemand abdrängt, würde ich es ignorieren, wenn es mir vorkommt als sei es unabsichtlich passiert. Wenn es absichtlich passierte, würde ich die Person drauf ansprechen (z.B. passe bitte besser auf, ja?)

    Also mir fällt es sehr schwer, mich überhaupt in solchen angesagten Schuppen wohl zu fühlen. Das war auch schon immer so. Daher komme ich wohl nicht oft in die Verlegenheit, da hin zu gehen.( Ist auch zu teuer und die Musik meist doof). Allerdings gehe ich mit, wenn ich mit anderen unterwegs bin und die da hinwollen. Alleine niemals!
    LG
    Ibag

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