"»Unter Kleon beginnt in Athen die Tyrannei der Mehrzahl gegen die Minderzahl, eine Tyrannei, welche die eines Einzelnen um so viel an Unerträglichkeit übertrifft, als die Begierden der Menge unersättlicher sind.« W. Vischer, kleine Schriften 1. S. 169." - JB

"insofern nämlich die 'Masse' herrscht, tyrannisirt sie die 'Ausnahmen', so daß diese den Glauben an sich verlieren und 'Nihilisten' werden." - N

"Vom Eindringen der Demokratie an herrscht in ihrem Innern die beständige Verfolgung gegen alle diejenigen Individuen, die etwas bedeuten können und zeitweise als Beamte, Strategen usw. bedeuten müssen, ferner die Unerbittlichkeit gegen das Talent, es mag so treu und ergeben dienen, als es will, die periodische Hetze gegen die, welche etwas besitzen, und endlich bei den Verfolgern das durchgebildete Bewußtsein: man habe es den Leuten so gemacht, daß jeder, der etwas sei, notwendig innerlich empört und daher bei gegebenem Anlaß ein Verräter sein müsse. die Apolitie der Ausgezeichnetsten die Regel." - JB

"Bei Plutarch (Nikias) möge man nachlesen, in welchem Belagerungszustand sich ein Reicher, wie Nikias, sein Leben lang fühlt. Die äußerste Zurückgezogenheit schützt ihn vor der allgemeinen Zudringlichkeit nicht; vielmehr gehen die Begehrenden und Empfangenden bei ihm beständig aus und ein, und er gibt denen, die ihm schaden könnten, nicht weniger als denen, die eine Wohltat verdienen, weshalb er von den Komikern seiner Sykophantenfurcht wegen verspottet wird. Wenn von ihm gesagt wird, er habe gesehen, wie der Demos zwar die Erfahrung der Leute von Rednergabe und Talent manchmal zu gebrauchen wisse, aber eine bedeutende Kraft beargwöhne und Stolz und Ansehen einer solchen darniederhalte, so mögen wir uns daran erinnern, daß Athen seine ganz großen Kräfte überhaupt schon im V. Jahrhundert aufgebraucht hat. Phidias starb im Kerker, Perikles freilich an der Pest, aber doch wohl auch vor Kummer, Nikias selber ging lieber in Sizilien als in Athen unter. Als dann (411) Alkibiades in Kleinasien stand, konnte man freilich auf der Straße einen zum andern sagen hören: »Die Stadt hat keinen Mann mehr«. (Aristoph. Lysistr. 524.)" - JB

"Im übrigen darf man nicht vergessen, daß damals in ganz Griechenland die Demokratie zahlreichen »Oligarchen« das Leben oder die Heimat und die Familie raubte, d.h. daß der höhere Stand in wiederholten Krisen überall unterging, so daß überhaupt keine Deszendenz, weder gute noch schlechte, vorhanden war. Freilich wollte noch spät dieser und jener von Keryken und Eumolpiden stammen, im ganzen verschwinden aber die altberühmten Familien im IV. Jahrhundert und leben zur Zeit des Isokrates nur noch in ihren Gräbern fort; von den Individuen der demosthenischen Zeit hat kaum mehr jemand eine bekannte oder berühmte Herkunft." - Jacob Burckhardt


"Schon im Verlauf des Peloponnesischen Krieges hatte die schlimme alte Tradition, daß das Aufkommen der Demokratie soziale Gewaltsamkeiten mit sich führen mußte, daß dieselbe dann fortwährend unbillige, aber legal erklärte Anforderungen an die Besitzenden und Erwerbenden stellte, und daß man diesen noch außerdem illegal auf alle Weise zusetzte, die furchtbarsten sogenannten oligarchischen Reaktionen hervorgerufen.
Und jetzt geht neben aller Parteiung zwischen Makedoniern, Achäern und Ätolern die Ausartung des Staates ihren Weg unerbittlich weiter in Tyrannien spätester Bildung mit schrecklicher Söldnerwirtschaft und in gewaltsamen Oligarchien und Demokratien, welche sich durch Gemetzel, Verbannungen und Aufteilungen des Grundeigentums manifestieren. Die unvermeidliche letzte Konsequenz jeder Demokratie, der Hader um den Besitz, führt zu einem wahren Höllenleben; immer wieder tritt der Kommunismus auf, und beide Parteien nehmen jede Allianz an, die zum Ziele führt, und erlauben sich alle Mittel. Indem allgemach alles, was geschieht, in immer schlechtere Hände fällt, vollendet sich der Bankrott der griechischen Staatsidee, der im Grunde mit jenem unsinnigen Emporschrauben des Bürgertums begonnen hatte." - JB

"Auch die Fischer werden nun unverhältnismäßig wichtige Personen, die sich höher fühlen als die besten Feldherrn." - JB

"bei Epikur endlich, der sich mit seiner Aufforderung, im Verborgenen zu leben, nicht nur dem Staat, sondern auch der Notorietät entzieht, ist Staatsverachtung und Menschenverachtung beisammen, vielleicht auch Sorge vor der Bosheit der Menschen und ihrer geringen Neigung und Fähigkeit, andere (und namentlich Ausgezeichnetere) glücklich zu machen oder auch nur deren Glück zu dulden. das Preisen des in alter Zeit Eingerichteten und seither stationär Gebliebenen.
Auch eines andern Ideals war man nunmehr müde geworden, nämlich des agonalen. in den meisten Gegenden Griechenlands niemand mehr die Lust und die Mittel dazu, mit der alten agonalen Pracht an den Olympien usw. aufzutreten, schon deshalb, weil die Reichen an gar zu vielen Orten einer systematischen Verfolgung unterlagen und man darum froh sein mußte, wenn nur in der Heimat den Choregien usw. genügt werden konnte." - JB

"Und nun haben wir von der quantitativen 'Abnahme der Nation' zu sprechen, einem Faktum, das bisweilen übersehen oder nicht genug betont wird, das aber in erstaunlichem Grade vorhanden war. Fragen wir nach den allgemeinen Tatsachen, die ihr zugrunde liegen, so bietet sich vor allem der von Polyb dafür angeführte Umstand, daß die in Großtuerei, Habsucht und Vergnügungssucht verfallenen Menschen nicht mehr heiraten und, wenn sie es je taten, keine oder höchstens ein oder zwei Kinder haben wollten, um diese in aller Üppigkeit aufziehen und reich zurücklassen zu können; das Unglück sei binnen kurzem unbemerkt so groß geworden, daß der erste beste Krieg oder Krankheitsfall nun gleich das Haus veröde; man sollte also die Sinnesart ändern 'oder' durch Gesetze das Aufziehen der erzeugten Kinder befehlen(Polyb XXXVII, 9, 7 ff.). Wir möchten indes bezweifeln, ob damals wirklich noch die Vergnügungssucht die Menschen in diesem Punkte hauptsächlich bestimmte und nicht eher die Desperation, die ja doch ihre Gründe hatte. Die unseligen Eltern wußten in dieser, da Bodenaufteilung und Schuldenerlaß an der Tagesordnung waren, gar zu gut, was der Kinder warten würde; der Polis aber, welche reich zu werden glaubte, wenn sie den Besitzenden das Ihrige nahm, gingen zu spät die Augen darüber auf, daß man auf diese Weise immer ärmer werden, ja daß das Leben zuletzt erlöschen mußte." - JB