Hi, Crissi,

vorab muss ich, glaub ich, ein Missverständnis aufklären: Ich halte nicht meinen verstorbenen Ex, den ich immer noch sehr liebe, für den (eigentlichen) Missbrauchstäter (wenn man das ganze denn so nennen kann?), sondern eher seine Familienangehörigen, und zwar sowohl ihm als auch mir gegenüber. Ich habe den Eindruck, das ist ein toxisches Familiengefüge, das Liebe mit Besitzdenken verwechselt. Mein Partner durfte in dieser Familien-Symbiose kein freier Mensch werden und die Frau lieben, die er wollte. Darunter hat er sehr gelitten. Er gehörte buchstäblich seiner Familie, zu der er eine ganz und gar ambivalente Beziehung hatte: Einerseits hatte er in dieser zerstrittenen Familie von Kind auf an immer die Rolle des Rebells und des Sündenbocks inne, an dem die anderen ihre Aggression abreagierten (Seit Ende 2013 bin ich offenbar jetzt an seiner Stelle in diese Rolle hineingerutscht). Andererseits war er bis ins reife Erwachsenenalter immer noch emotional und finanziell abhängig von diesen Menschen. Daher war er enorm angreifbar und in dem angeschlagenen Gesundheitszustand wohl auch nicht mehr in der Lage, mich noch irgendwie zu verteidigen. Und jetzt ist er tot, jetzt kann ich nur noch auf ein Wiedersehen hoffen, denn es ist ja sehr vieles ungesagt geblieben. Deshalb stimmt das, was du schreibst, aufs Wort:


"Die ganze Katastrophe nahm ja erst seinen Lauf, als sich die Familie eingemischt hat. Ich denke, bei dir ist es eine Mischung beider Ereignisse, die es dir so schwer machen, los zu lassen.

Zum Einen hast du deinen Partner geliebt, auf der anderen Seite diese widerliche Art seiner Familie, die man nur schwer verstehen kann - wenn überhaupt. Du kämpfst buchstäblich an zwei Fronten. Du möchtest nach vorne sehen, mit dem Verlust fertig werden, kämpfst aber immer wieder gegen seine Familie an, die dich auch nicht in Ruhe lassen kann."

Wie wahr und danke dir für dein Mitgefühl. Es tut gut, sich verstanden zu fühlen. Ich hätte mir gewünscht, mit ihm alt werden zu dürfen, ihn in den Armen halten zu dürfen, wenn er "geht". Jetzt muss ich irgendwie damit klar kommen, dass es anders gekommen ist.


"Die Einzige, die das unterbrechen kann, bist aber letztlich du."

Ja, das stimmt. Ich habe, nachdem ich gestern den Artikel über emotionalen Missbrauch gelesen hatte, auch die Konsequenzen gezogen. Ich will nicht mehr leiden, ich will leben! Ob ich umziehen werde, weiss ich noch nicht, denn die Erinnerung ist ja alles, was mir blieb. Die hilft mir eher beim Trauern. Ich habe aber für mich beschlossen, dass ich das Thema künftig gegenüber seiner Familie meide, dass ich den Kontakt zu ihnen überhaupt so gering halte wie möglich. Bisher hatte ich noch gehofft, ich könnte diesen Leuten bewusst machen, was sie da getan haben, und sie würden sich entschuldigen. Diese Hoffnung habe ich inzwischen aufgegeben und fühle mich seitdem befreit. Denn vielleicht sind Menschen, die so etwas Destruktives tun, psychisch gar nicht in der Lage, Empathie und Reue zu empfinden. Dann wäre es schädlich für mich, mich weiter davon abhängig zu machen, zu warten und zu hoffen. Ich möchte meine Energie in mich selbst investieren, nicht in solche Menschen.

Gruß, Neubeginn